Das Leben wieder genießen lernen

Ganz schnell packt es einen und man merkt gar nicht, wie das Leben an einem vorbeizieht. Man Ziele aus den Augen verliert. Man gar nicht merkt, was für ein großartiges Leben man doch führt. Dieses ständige Streben nach immer mehr und immer weiter kann einen schon mal schnell blenden und der Versuch dem Ganzen hinterherzukommen, scheitert wahrscheinlich bei den meisten, wobei man dann vermutlich enttäuscht von sich in eine Depression reinrutscht.

Und dann gibt es noch todbringende Krankheiten. Wie Krebs. Was nur andere bekommen, bis man dann selber die Diagnose gestellt bekommt. Dann holt einen das Leben ganz schnell ein. Und zwar so schnell, dass man erst gar nicht begreifen kann, was die Ärzte einem gerade gesagt haben. So ähnlich war das vor dreieinhalb Jahren bei mir.

Damals noch beruflich selbständig unterwegs gewesen, die Familie noch jung und gerade gewachsen. Aus diversen Gründen einfach nicht zum Arzt gegangen, bis man es vor Schmerzen nicht mehr aushalten konnte. Hodenkrebs. Und zwar so schlimm, dass der Assistenzarzt sofort zum Telefon gegriffen hat, um die leitende Ärztin zu holen. Am nächsten Tag gleich die OP. Eine Woche später noch eine Biopsie, die leider ergab, dass der Krebs schon metastasiert war. Was bei Hodenkrebs eigentlich in der Regel nicht so häufig vorkommt.

Was folgte war die Hölle auf Erden. Chemotherapie. Erst hieß es, dass ein bis zwei Zyklen reichen würden und zum Schluss habe ich vier Zyklen nach PEB-Schema gebraucht, um den Krebs in den Griff zu bekommen. Ein Zyklus dauert drei Wochen und fängt mit einem sechstägigen stationären Aufenthalt an, bei dem man 24 Stunden lang an diversen Tröpfen hängt und knapp sieben Liter Flüssigkeit in seinen Körper wandert. Davon ein Drittel hochgiftiges Zeug, dass die Zellteilung im Körper verhindern soll. Im Grunde haben alle Chemotherapien dieses Ziel: die Zellteillung der Krebszellen zu verhindern und somit die Zellen absterben zu lassen. Leider betrifft das alle Zellen im Körper, was man meistens an den Haaren am ehesten sieht. Die fallen nämlich einfach mal nach ein paar Wochen aus.

Was eigentlich von Vorteil ist, weil man sich die nächsten Monate nicht mehr rasieren muss. Aber kaputte Schleimhäute sind da eher kein Spaß. Die bedeuten nämlich, dass jedes Schlucken zur Qual wird, man Sodbrennen hat, dass man im Sitzen schlafen muss und das restliche Verdauungssystem verrückt spielt. Von der Unfähigkeit am normalen Leben teilzunehmen mal abgesehen, das ist geschenkt, weil man ja eigentlich nur wieder gesund werden möchte. Aber, dass man nach drei Treppenstufen eine Pause einlegen muss, weil der Körper einfach nicht mehr kann, ist schon eine krasse Erfahrung.

Vor meiner eigenen Erkrankung habe ich mich mit dem Thema Krebs nur rudimentär auseinandergesetzt. Ich wußte, was Krebs ist. Ich wußte, dass Krebs unter bestimmten Umständen auch „heilbar“ ist und nicht immer den Tod bedeutet. Dass es verschiedene Krebsarten gibt. Mehr aber auch nicht. Großartigen Kontakt mit Betroffenen hatte ich bis dahin nicht. In meiner Familie ist noch keiner an Krebs erkrankt, der Großvater meiner Frau ist an Krebs verstorben, bevor wir uns kennenlernten. Und nun wurde mir selber die Diagnose gestellt. Und keine gute. Es gibt noch Klassifizierungen der Diagnosen und ich hatte die schlechteste. Einen AFP-Wert von teilweise über 24000, eine Metastase in der Beckenschaufel, diverse Punkte in den CT-Aufnahmen, die unter Beobachtung gestellt wurden.

Abgesehen aber von den ganzen Unannehmlichkeiten der Behandlung und dem fantastischen Vorteil, dass ich wieder gesund bin, bekommt man durch solch eine Erkrankung bzw. durch die Heilung eine ziemlich große Ohrfeige. Man lernt sein Leben ganz anders zu sehen. Zwar wird der Vorsatz, sein Leben komplett umzustrukturieren, nicht umfänglich umgesetzt, weil man schon kurze Zeit nach der Behandlung wieder in den Alltagstrott seines Umfeldes „integriert“ wird. Trotzdem stehe ich jeden Morgen mit dem guten Gefühl auf, weiterleben zu können. Mit dem Gefühl, diesen Tag mit all seinen Möglichkeiten nutzen zu können. Was einem zwar nicht immer gelingt, aber irgendwie ist alles anders geworden…

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